"Die Technik der Kampfkünste ist, dem Universum gleich, unerschöpflich. Sei dir im Klaren, dass es keine vollkommen ausgereifte Technik gibt."
- Ōtsuka Hironori I."

Wadō Ryū Karate Dō

Wie ein großer Fluss sich manchmal in mehrere Nebenflüsse aufteilt, so entstanden über die Jahrhunderte auch verschiedene Strömungen der Kampfkünste. Sei es, weil sich Schüler aufgrund verschiedener Ansichten von ihren Meistern getrennt haben, Techniken oder Konzepte verändert oder aus anderen Kampfkünsten übernommen und angepasst wurden oder einzelne Budōka mit ihrer Erfahrung eine ganz neue, eigene Stilrichtung schaffen wollten. Die Gründe für die Vielzahl an Stilrichtungen der Kampfkünste sind so zahlreich, wie deren Strömungen selbst.

Der Wadō Ryū Karate Dō selbst kann als ein Zusammenfluss einiger dieser Nebenströmungen verstanden werden. Trotz seiner offiziellen Registrierung in Japan im Jahre 1939 enthält er Elemente aus vielen älteren japanischen und okinawanischen Kampfkünsten, die sich wiederum, von chinesischen Kampfkünsten beeinflusst, entwickelt hatten. Neben veränderten Techniken und Kata aus verschiedenen Karatestilen oder Hebeln und Würfen aus dem Jūjutsu sind auch viele weniger offensichtliche Einflüsse aus anderen Kampfkünsten erkennbar. So gesehen kann Wadō Ryū Karate als eine der ersten Mixed Martial Arts verstanden werden. Dies lässt sich auf die Entstehungsgeschichte und damit auch direkt auf den Werdegang des Gründers und ersten Großmeisters des Wadō Ryū Karate Dō zurückführen, das sich auch heute noch in Familienführung befindet.

Die technischen Kernprinzipien des Wadō Ryū Karate Dō sind neben dem Ausweichen aus der Angriffslinie (inasu 往なす) und Aufnehmen (noru 乗る) oder Ableiten (nagasu 流す) von Angriffen das Vermeiden nicht funktioneller Bewegungen und unverhältnismäßigen Kraftaufwandes. Die Techniken sollen so, unter Einsatz des gesamten Körpers, möglichst flüssig, effektiv und natürlich ausgeführt werden.

Ein weiteres Kernkonzept des Wadō Ryū Karate Dō ist taisabaki 体捌き und besteht aus ten i 転位 (Veränderung des Standes), ten tai 転体 (Veränderung des Körpers/Schwerpunktes) und ten gi 転伎 (Anwendung der Technik). Wenngleich dies drei verschiedene Begriffe sind, sollten sie als ein Konzept verstanden und ineinander verwoben in einer Technik vereint werden.

Der Name Wadō wird häufig nur als Weg des Friedens übersetzt. Dabei ist Wa jedoch auch ein Synonym für Japan. So verstanden trägt der Name auch die Bedeutung Der Weg Japans. Ryū steht für Strömung, Stil oder Schule.

Hironori Ōtsuka I. und die Entstehung des Wadō Ryū

Der Name des Gründers des Wadō Ryū Karate Dō ist Hironori Ōtsuka, geboren am 1. Juni 1892 als zweites von vier Kindern und erster Sohn von Tokujirō und Sato Ōtsuka in Ibaraki-ken, Shimodate-shi. Von seinem Onkel Chojirō Ebashi, einem Samurai und Lehrmeister der alten Kampfkünste für den Tsuchiya-Clan, erhält er Unterricht im Kōryū Jūjutsu. Als für den 13-jährigen Hironori Ōtsuka 1905 die Mittelschule beginnt, nimmt er auch das Training des Shintō Yōshin Ryū Jūjutsu unter Leitung von Tatsusaburo Nakayama auf. Im Gegensatz zu anderen Jūjutsu-Schulen lag dort der Fokus auf Schlag- und Tritttechniken (Atemi 当身) anstelle von Wurf- und Greiftechniken. Diese Kampfkunst übt er auch nach seiner Immatrikulation an der Waseda-Universität 1911 weiterhin aus, während er sich darüber hinaus auch mit weiteren Atemi-Kampfkünsten auseinandersetzt. Nach weiteren 10 Jahren hingebungsvollen Studiums verleiht ihm Meister Nakayama am 1. Juni 1921 letztendlich die Anerkennung der vollkommenen Meisterschaft (Menkyo Kaiden 免許皆伝) des Shintō Yōshin Ryū Jūjutsu.

Als Gichin Funakoshi im Mai 1922 in Tōkyō sein okinawanisches Karate vorführt, trifft Ōtsuka sich daraufhin mit ihm, wobei sie viele Ansichten über die Kampfkunst austauschen. Funakoshi bleibt zunächst in Tōkyō und nimmt Ōtsuka im September des gleichen Jahres als seinen Schüler auf. Nach bereits weniger als zwei Jahren ist Ōtsuka einer der 7 ersten Schwarzgurte im Karate und Assistenztrainer unter Gichin Funakoshi. Auch führt er alsbald das Konzept des Yakusoku Kumite ein.

Generell studiert Ōtsuka in den 1920er Jahren viele andere Stilrichtungen und unterhält Kontakte zu deren Meistern, wobei er durch die Auslese und Verfeinerung wesentlicher Techniken verschiedener Stile und deren Kombination seine eigene Kampfkunst zu verbessern sucht.

In 1929 gründet er den Verband Nihon Kobudō Shinkōkaie, dem er mit seinem eigenen Stil Wadō Ryū Karate Jutsu beitrat. Neun Jahre später, 1938, eröffnet Ōtsuka in Kanda, Tōkyō, den Dai Nippon Karate Dō Shinkō Klub (大日本空手道振興倶楽部). Nach wie vor arbeitet er an der Weiterentwicklung von Kumite-Formen und führt neben dem im Jūjutsu üblichen Randori auch Kumite Gata in Karate ein. Weiterhin passt er Stände für mehr Beweglichkeit an, führt neue Bewegungen, Würfe und Hebel ein und fokussiert Ausweichbewegungen und Konter. All diese Elemente und Anpassungen entstammen den Einflüssen verschiedener Kampfkünste, die Ōtsuka über viele Jahre hinweg studierte. So hat er die geraden Techniken des okinawanischen Shurite Karate Dō erweitert um Körperbewegungen und Grifftechniken des Shintō Yōshin Ryū Jūjutsu, die nagasu-Techniken des den Schwertkampf mit dem Kodachi (Kurzschwert) lehrenden Toda Ryū und die fließenden Bewegungen der Yagyū Shinkage Ryū Schwertkunst. Viele für Wadō Ryū fundamentale und charakteristische Prinzipien leiten sich von diesen Ursprüngen ab.

Hironori Ōtsuka, dem 1938 vom Dai Nihon Butokukai der Rang Renshi verliehen wird, präsentiert seine Kampfkunst im gleichen Jahr bei einem Kampfkunstfest in Kyōto, wo er seinen Stil unter dem Namen Shinshū Wadō Ryū Karate Jutsu anmeldet. Im Jahr darauf ändert er diesen Namen zu Wadō Ryū, nachdem der ihm nahestehende Meister Gihachirō Kubo (Yagyū Shinkage Ryū) auf die Redundanz von Shinshū und Wa, die beide als Bezeichnung für Japan verstanden werden können, hingewiesen hatte. Mit der Eintragung des Wadō Ryū werden auch 36 Kumite Gata sowie 16 Kata registriert, die Ōtsuka verschiedenen Stilen entnommen und nach seinen Idealen angepasst hatte. Während in anderen Stilen der Begriff Kata 型 mit einem Kanji geschrieben wird, das vorwiegend für etwas fest vorgegebenes Unveränderliches steht, entscheidet Ōtsuka sich für die Verwendung des Kanji 形, da er der Überzeugung ist, dass Kata lebendig, wandelbar sein und sich der jeweiligen Situation anpassen können muss.

Von dem Dai Nihon Butokukai wird Ōtsuka 1942 der Titel Tasshi (ehemalig Kyōshi) verliehen. In den folgenden Jahren nimmt er, zum Teil auch als Gründungsmitglied, hochrangige Positionen in verschiedenen nationalen wie internationalen Kampfkunstdachverbänden ein. 1966 verleiht ihm Hirohito, der Kaiser Japans, den Orden der Aufgehenden Sonne für seine Hingabe zum Karate. Zudem wird ihm am 9. Oktober 1972 als erster Karateka überhaupt die Ehre zuteil, vom Prinzen Higashikuninomiya Naruhiku, dem Präsidenten des Kokusai Budō Renmei und Onkel des Kaisers Hirohito, den Titel Meijin und somit den Rang des 10. Dan zu erhalten.

Am 3. November 1978 eröffnet Ōtsuka das Honbu Dōjō des Wadō Ryū Karate Dō Renmei in Nerima-ku, Tōkyō, wo es sich auch heute noch befindet. Nachdem er am 1. April 1981 den Namen seines Dachverbandes offiziell in Wadō Ryū Karate Dō Renmei ändert, überträgt er dessen Führung am 20. Dezember 1981 auf seinen zweiten Sohn, Jirō Ōtsuka, geboren am 28. Februar 1934 in Tōkyō. Im Monat darauf verstirbt Hironori Ōtsuka I. am 29. Januar 1982 im Alter von 89 Jahren. Als nachfolgendes Stiloberhaupt nimmt Jirō Ōtsuka den Namen seines Vaters an und leitet fortan den Wadō Ryū Karate Dō Renmei bis zu seinem plötzlichen Ableben am 26. Juni 2015. Seine Nachfolge wiederum tritt sodann dessen erster Sohn, Kazutaka Ōtsuka, geboren 1965, an und übernimmt ebenfalls den Namen seines Vaters.

Mitglied im Deutschen Karateverband, im Landessportbund NRW und im Stadtsportbund Düsseldorf

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